Früh übt sich

In der Kindererziehung gibt es ein ungeschriebenes Gesetz. Es lautet: Wo mehr als zwei Kinder älter als drei in einem geschlossenen Raum zusammen sind, muss etwas Vorzeigbares dabei rauskommen!
Berit warnte mich beizeiten. »Stell dir mal vor, Malte hat einen Freund zu Besuch. Wenn dann irgendwann die Mutter auftaucht, um ihren Kleinen wieder bei dir abzuholen und sie »Ist es schon trocken?« fragt, meint sie höchstwahrscheinlich nicht Klein-Marie, sondern das, was ihr kleiner Liebling inzwischen gemalt oder gebastelt hat«, sagte sie.
»Aber Malte ist doch erst drei!«
»Früh übt sich, was Picasso werden will«, gab Berit zu bedenken. Das leuchtete ein.
»Wenn du dann Malte von seinen kleinen Freunden abholst und du in seiner Tasche einen unansehnlichen Klumpen findest, musst du fast umfallen vor Begeisterung«, instruierte Berit mich weiter.
»Und wieso das?«
»Weil es ein Gackgack-Hühnchen, ein Wieselwutz-Männlein oder ein Kra sein könnte«, erklärte Berit mir geduldig.
»Ein Kra?«
»Damit ist Holger mal gekommen. Sieht aus wie ein überbackener Kinderstrumpf. Aber du weißt ja, wie Holger nuschelt.«
Wir seufzten verständnisinnig.
»Im Kindergarten wird es dann noch schlimmer«, verdüsterte Berit ihre Prognosen.
Ich dachte an meine Kindergartenzeit und an Tante Hildegard, die besser beten konnte als basteln und die von Picasso wahrscheinlich noch nie etwas gehört hatte. Von ihren Zöglingen ist allerdings auch keiner einer geworden.
»Was machst du denn da?« Berit wurde nachgerade hysterisch.
»Ich werfe einen Jogurtbecher in den Müll.«
»Den kann man aber doch noch gut gebrauchen!« Berit musterte mich missbilligend. »Jetzt brauchen wir doch nur noch einen Pappkarton und ein paar Tropfen Kleber und schon zaubern wir daraus ein Schweinchen«, beschwatzte sie ihren Holger, der missmutig grunzte.
»Eine leere Milchtüte tut es zur Not natürlich auch«, versuchte sie, mich breitzuschlagen, doch ich blieb eisern und verstellte ihr den Weg zum Wertstoffeimer energisch. Noch heute kann ich mir nicht verzeihen, dass ich damals so unerbittlich war. Denn inzwischen haben mich drei weitere Kinderjahre einiges gelehrt. Zum Beispiel, dass schon Dreijährige ohne Ausnahme erstaunlich kreativ sein können. In Spielgruppen zaubern sie in nur fünf Minuten aus einem unansehnlichen Stück Pappkarton wunderschönen Indianerschmuck, aus Wäscheklammern anmutige Schmetterlinge und aus Jogurtbechern herzige Gartenzwerge. Die gemalten Kunstwerke eines Dreijährigen machen ein Kinderzimmer zur Galerie. Die Kunstergüsse eines Sechs- und einer Vierjährigen sprengen die Lagerkapazität einer geräumigen Vierzimmer-Wohnung gewaltig.
»Ich kann es mir zwar nicht erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das unser Müll immer weniger wird«, freute sich mein lieber Mann beispielsweise erst gestern. Hätte er vorsichtig in die Anrichte geschielt, hätte er gewusst warum. Mir noch mehr Jogurtbecher-Weihnachtsmännern, Milchkarton-Osterkörbchen, Blechdosen-Wichteln und Klorollen-Mäusen löst sich unser privates Müllproblem ganz allmählich wie von selbst.
»Hier, ist für dich«, platzt Malte in meine Gedanken und hält mir ein Ding unter die Nase. Es sieht aus wie ein überbackener Kinderstrumpf. Pflichtschuldig freue ich mich gewaltig.
»Was ist es?«, frage ich ob seiner sensiblen Künstlerseele ehrfurchtsvoll, während ich den Schatz behutsam in den Händen wiege.
»Weiß ich doch nicht«, antwortet Malte empört und rümpft angewidert die Nase. »Das Ding hat auf dem Spielplatz im Gebüsch gelegen. Der Holger hat gesagt, wenn ich es aufhebe und mitnehme, freust du dich garantiert halb dämlich.«In der Kindererziehung gibt es ein ungeschriebenes Gesetz. Es lautet: Wo mehr als zwei Kinder älter als drei in einem geschlossenen Raum zusammen sind, muss etwas Vorzeigbares dabei rauskommen!
Berit warnte mich beizeiten. »Stell dir mal vor, Malte hat einen Freund zu Besuch. Wenn dann irgendwann die Mutter auftaucht, um ihren Kleinen wieder bei dir abzuholen und sie »Ist es schon trocken?« fragt, meint sie höchstwahrscheinlich nicht Klein-Marie, sondern das, was ihr kleiner Liebling inzwischen gemalt oder gebastelt hat«, sagte sie.
»Aber Malte ist doch erst drei!«
»Früh übt sich, was Picasso werden will«, gab Berit zu bedenken. Das leuchtete ein.
»Wenn du dann Malte von seinen kleinen Freunden abholst und du in seiner Tasche einen unansehnlichen Klumpen findest, musst du fast umfallen vor Begeisterung«, instruierte Berit mich weiter.
»Und wieso das?«
»Weil es ein Gackgack-Hühnchen, ein Wieselwutz-Männlein oder ein Kra sein könnte«, erklärte Berit mir geduldig.
»Ein Kra?«
»Damit ist Holger mal gekommen. Sieht aus wie ein überbackener Kinderstrumpf. Aber du weißt ja, wie Holger nuschelt.«
Wir seufzten verständnisinnig.
»Im Kindergarten wird es dann noch schlimmer«, verdüsterte Berit ihre Prognosen.
Ich dachte an meine Kindergartenzeit und an Tante Hildegard, die besser beten konnte als basteln und die von Picasso wahrscheinlich noch nie etwas gehört hatte. Von ihren Zöglingen ist allerdings auch keiner einer geworden.
»Was machst du denn da?« Berit wurde nachgerade hysterisch.
»Ich werfe einen Jogurtbecher in den Müll.«
»Den kann man aber doch noch gut gebrauchen!« Berit musterte mich missbilligend. »Jetzt brauchen wir doch nur noch einen Pappkarton und ein paar Tropfen Kleber und schon zaubern wir daraus ein Schweinchen«, beschwatzte sie ihren Holger, der missmutig grunzte.
»Eine leere Milchtüte tut es zur Not natürlich auch«, versuchte sie, mich breitzuschlagen, doch ich blieb eisern und verstellte ihr den Weg zum Wertstoffeimer energisch. Noch heute kann ich mir nicht verzeihen, dass ich damals so unerbittlich war. Denn inzwischen haben mich drei weitere Kinderjahre einiges gelehrt. Zum Beispiel, dass schon Dreijährige ohne Ausnahme erstaunlich kreativ sein können. In Spielgruppen zaubern sie in nur fünf Minuten aus einem unansehnlichen Stück Pappkarton wunderschönen Indianerschmuck, aus Wäscheklammern anmutige Schmetterlinge und aus Jogurtbechern herzige Gartenzwerge. Die gemalten Kunstwerke eines Dreijährigen machen ein Kinderzimmer zur Galerie. Die Kunstergüsse eines Sechs- und einer Vierjährigen sprengen die Lagerkapazität einer geräumigen Vierzimmer-Wohnung gewaltig.
»Ich kann es mir zwar nicht erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das unser Müll immer weniger wird«, freute sich mein lieber Mann beispielsweise erst gestern. Hätte er vorsichtig in die Anrichte geschielt, hätte er gewusst warum. Mir noch mehr Jogurtbecher-Weihnachtsmännern, Milchkarton-Osterkörbchen, Blechdosen-Wichteln und Klorollen-Mäusen löst sich unser privates Müllproblem ganz allmählich wie von selbst.
»Hier, ist für dich«, platzt Malte in meine Gedanken und hält mir ein Ding unter die Nase. Es sieht aus wie ein überbackener Kinderstrumpf. Pflichtschuldig freue ich mich gewaltig.
»Was ist es?«, frage ich ob seiner sensiblen Künstlerseele ehrfurchtsvoll, während ich den Schatz behutsam in den Händen wiege.
»Weiß ich doch nicht«, antwortet Malte empört und rümpft angewidert die Nase. »Das Ding hat auf dem Spielplatz im Gebüsch gelegen. Der Holger hat gesagt, wenn ich es aufhebe und mitnehme, freust du dich garantiert halb dämlich.«

Muttertag 14. Mai 2017

Eine
geschenkte
Geschichte

aus dem Buch:

Tausche Schwester [TauscheSchwesterECover.jpg,111 KB]

GISELA WALITZEK

Tausche Schwester gegen Gummibärchen

 Sternstunden einer glücklichen Familie


Gedruckt im
KADERA.VERLAG.SHOP

als E-Book
bei THALIA