Rote Erde – weißes Gras

Eine Leseprobe.

Achtjährig muss Natiwi die Kühe hüten, nachts schläft sie mit ihrer kleinen Schwester und den Ziegen in einer Hütte ...

Auch eine gütige Schicksalswendung kann grausam beginnen. In jener Nacht begann für mich ein Weg durch die Hölle. Hyänen strichen um die Hütten. Leise waren sie, sie weckten nicht einmal die Hunde. Der scharfe Geruch der Ziegen lockte sie an. Er war nicht mit Rauch vermengt, aus der Hütte leuchtete kein Feuerschein. Es war die Hütte der Foibe-Töchter. Unsere Hütte.
Die alte Ziege an der Tür meckerte leise und rückte etwas von mir ab. Ich streckte mich im Halbschlaf – und ein jäher brennender, stechender Schmerz fuhr durch mein Bein, raste wie ein Blitz durch den ganzen Körper. Gellend schrie ich auf, bäumte meinen Körper hoch, strampelte mit den Beinen, von denen eines wie von einer Zange umklammert war.
Dann sah ich die Hyäne. Die gebleckten Zähne leuchteten im fahlen Mondlicht. Sie hatte mein Bein gepackt und mich daran ein Stück aus der Tür gezerrt. Mit dem massigen Kopf, aus dem gurgelnd-gurrende Laute und ein stinkender Atem drangen, schüttelte die Bestie meinen ganzen Körper, wollte nicht hergeben, was sie zwischen ihren Reißzähnen festhielt.
Meine gellenden Schreie weckten Akeno, die in Todesangst zu brüllen begann. Die Ziegen fanden keinen Fluchtweg, meckerten in zitteriger Angst und drängten sich in der Hütte umeinander und übereinander. Alles wirbelte in Panik durcheinander. Ich starrte in gierige gelb-grüne Augen, sah helles Blut von den spitzen Zähnen tropfen – es war mein Blut. Die Bestie frisst mich auf, hämmerte es in meinen Schläfen. Ich hörte die Stimme meiner Mutter: Pass auf, damit dich die Tiere nicht auffressen!
Plötzlich Stimmen, Feuerschein. Die Hyäne ließ von mir ab, sauste pfeilschnell davon. Der Schatten eines Mannes erschien in der Tür, hinter ihm weitere mit Fackeln und glühenden Stöcken. Einer von ihnen schleuderte einen glühenden Stab in die Fluchtrichtung der Hyäne. Sie jaulte auf, ohne im Lauf nachzulassen.
»Die kommt nicht wieder!«, sagte der Werfer.
Der Mann in der Tür besah sich im Fackelschein die klaffende Wunde am Bein, das ich vor Schmerz schluchzend und nach Luft ringend umklammerte und aus dem unaufhaltsam Blut floss.
»Gib deiner Schwester etwas, womit sie das Blut stillen kann«, sagte der Mann. Er ließ eine Fackel zurück und kehrte mit den anderen auf ihre Lager zurück. Die Nacht war noch lang und die Angst hatte sie noch kälter gemacht.
Ein Stück Leder auf die Wunde gepresst, schlotternd uns gegenseitig ein bisschen Wärme gebend, kauerten wir den Rest der Nacht in der Hütte, die immer noch erfüllt war vom Dunst der Hyäne, diesem Gestank aus Fäulnis und Aas, vermischt mit dem Geruch des gestockten Bluts und dem panischen Dampf der Ziegen, die sich allmählich wieder beruhigt hatten.

Das folgende Jahr war eine schwere Zeit für mich. Die Wunde wollte sich nicht schließen: Kaum war sie mit neuer Haut bedeckt, entzündete sie sich erneut. Tagsüber versuchte ich zwar, mich nützlich zu machen. Ich kehrte den Kot der Jungtiere aus ihren Hütten und half bei der Zubereitung von Speisen, beim Melken der Kühe und bei der Aufzucht der Kälber. Nie jedoch konnte ich Wasser holen oder das Vieh zu den Tränken begleiten, was einmal zu meinen wichtigsten Aufgaben gehörte. Ich war zum Krüppel geworden und so schwand auch mein heimlicher Traum, einfach mit Akeno fort zu gehen und nach unserer Mutter zu suchen. In meinen Träumen kam die Hyäne zurück. Immer wieder spürte ich den Biss, immer wieder sah ich die geifernden Fangzähne, von denen mein Blut tropfte, und immer wieder schreckte ich hoch, wenn aus dem Nichts des Albtraums gelb-grüne Augen auf mich starrten. Dann war es eine Erlösung, wenn die Morgensonne heraufzog und für einen Augenblick daran glauben machte, dass alles besser werden würde.
Die Kinder hatten sich schon bald daran gewöhnt, dass ihre sonst so muntere Natiwi hilflos war und nicht an ihren Spielen teilnehmen konnte. Immer mehr wuchsen die Geschwister der Mütter zu einer Gemeinschaft zusammen. Lokoroi holte morgens meine Lieblingsziege zum Weiden ab und brachte sie abends zurück. Alima hatte ich die Ziege genannt, nach dem Namen der Vogelmutter, die mich auf die Welt geholte hatte – eine Welt, die mich nicht mehr haben wollte. Naca, Lotud, Smith, Namotoka und Nayor besuchten mich immer wieder in der Hütte, um mir Gesellschaft zu leisten. Manchmal brachten sie Blätter mit, um damit die Wunde zu umwickeln und vor Insekten zu schützen. Oder sie brachten eine Ratte mit, um sie gemeinsam mit mir auf dem Feuer zu rösten. So kam ich mir nicht ganz verloren vor.
Die Wunde schmerzte unentwegt, und die darin herumkriechenden Maden verleiteten dazu, geheilte Haut wieder aufzukratzen. Auch die alten Frauen wussten keinen Rat, meinten jedoch, dass die Maden auch Gutes tun, weil sie den Eiter fraßen.
Ab und zu hatten die Geschwister sogar Spaß in der Hütte und wollten gern über Nacht bei mir bleiben. Doch ich wurde die Angst nicht los, dass die Hyäne wiederkommen und allen Kindern Fleisch aus dem Leib reißen würde. Die Männer hatten ein ständiges Feuer in der Nähe meiner Hütte entfacht und die Eingänge in das Hüttenrund unseres Klans dichter gemacht. Niemand wollte, dass so etwas jemals wieder geschah.

Auch eine gütige Schicksalswendung kann grausam beginnen. In jener Nacht begann für mich ein Weg durch die Hölle. Hyänen strichen um die Hütten. Leise waren sie, sie weckten nicht einmal die Hunde. Der scharfe Geruch der Ziegen lockte sie an. Er war nicht mit Rauch vermengt, aus der Hütte leuchtete kein Feuerschein. Es war die Hütte der Foibe-Töchter. Unsere Hütte.
Die alte Ziege an der Tür meckerte leise und rückte etwas von mir ab. Ich streckte mich im Halbschlaf – und ein jäher brennender, stechender Schmerz fuhr durch mein Bein, raste wie ein Blitz durch den ganzen Körper. Gellend schrie ich auf, bäumte meinen Körper hoch, strampelte mit den Beinen, von denen eines wie von einer Zange umklammert war.
Dann sah ich die Hyäne. Die gebleckten Zähne leuchteten im fahlen Mondlicht. Sie hatte mein Bein gepackt und mich daran ein Stück aus der Tür gezerrt. Mit dem massigen Kopf, aus dem gurgelnd-gurrende Laute und ein stinkender Atem drangen, schüttelte die Bestie meinen ganzen Körper, wollte nicht hergeben, was sie zwischen ihren Reißzähnen festhielt.
Meine gellenden Schreie weckten Akeno, die in Todesangst zu brüllen begann. Die Ziegen fanden keinen Fluchtweg, meckerten in zitteriger Angst und drängten sich in der Hütte umeinander und übereinander. Alles wirbelte in Panik durcheinander. Ich starrte in gierige gelb-grüne Augen, sah helles Blut von den spitzen Zähnen tropfen – es war mein Blut. Die Bestie frisst mich auf, hämmerte es in meinen Schläfen. Ich hörte die Stimme meiner Mutter: Pass auf, damit dich die Tiere nicht auffressen!
Plötzlich Stimmen, Feuerschein. Die Hyäne ließ von mir ab, sauste pfeilschnell davon. Der Schatten eines Mannes erschien in der Tür, hinter ihm weitere mit Fackeln und glühenden Stöcken. Einer von ihnen schleuderte einen glühenden Stab in die Fluchtrichtung der Hyäne. Sie jaulte auf, ohne im Lauf nachzulassen.
»Die kommt nicht wieder!«, sagte der Werfer.
Der Mann in der Tür besah sich im Fackelschein die klaffende Wunde am Bein, das ich vor Schmerz schluchzend und nach Luft ringend umklammerte und aus dem unaufhaltsam Blut floss.
»Gib deiner Schwester etwas, womit sie das Blut stillen kann«, sagte der Mann. Er ließ eine Fackel zurück und kehrte mit den anderen auf ihre Lager zurück. Die Nacht war noch lang und die Angst hatte sie noch kälter gemacht.
Ein Stück Leder auf die Wunde gepresst, schlotternd uns gegenseitig ein bisschen Wärme gebend, kauerten wir den Rest der Nacht in der Hütte, die immer noch erfüllt war vom Dunst der Hyäne, diesem Gestank aus Fäulnis und Aas, vermischt mit dem Geruch des gestockten Bluts und dem panischen Dampf der Ziegen, die sich allmählich wieder beruhigt hatten.

Das folgende Jahr war eine schwere Zeit für mich. Die Wunde wollte sich nicht schließen: Kaum war sie mit neuer Haut bedeckt, entzündete sie sich erneut. Tagsüber versuchte ich zwar, mich nützlich zu machen. Ich kehrte den Kot der Jungtiere aus ihren Hütten und half bei der Zubereitung von Speisen, beim Melken der Kühe und bei der Aufzucht der Kälber. Nie jedoch konnte ich Wasser holen oder das Vieh zu den Tränken begleiten, was einmal zu meinen wichtigsten Aufgaben gehörte. Ich war zum Krüppel geworden und so schwand auch mein heimlicher Traum, einfach mit Akeno fort zu gehen und nach unserer Mutter zu suchen. In meinen Träumen kam die Hyäne zurück. Immer wieder spürte ich den Biss, immer wieder sah ich die geifernden Fangzähne, von denen mein Blut tropfte, und immer wieder schreckte ich hoch, wenn aus dem Nichts des Albtraums gelb-grüne Augen auf mich starrten. Dann war es eine Erlösung, wenn die Morgensonne heraufzog und für einen Augenblick daran glauben machte, dass alles besser werden würde.
Die Kinder hatten sich schon bald daran gewöhnt, dass ihre sonst so muntere Natiwi hilflos war und nicht an ihren Spielen teilnehmen konnte. Immer mehr wuchsen die Geschwister der Mütter zu einer Gemeinschaft zusammen. Lokoroi holte morgens meine Lieblingsziege zum Weiden ab und brachte sie abends zurück. Alima hatte ich die Ziege genannt, nach dem Namen der Vogelmutter, die mich auf die Welt geholte hatte – eine Welt, die mich nicht mehr haben wollte. Naca, Lotud, Smith, Namotoka und Nayor besuchten mich immer wieder in der Hütte, um mir Gesellschaft zu leisten. Manchmal brachten sie Blätter mit, um damit die Wunde zu umwickeln und vor Insekten zu schützen. Oder sie brachten eine Ratte mit, um sie gemeinsam mit mir auf dem Feuer zu rösten. So kam ich mir nicht ganz verloren vor.
Die Wunde schmerzte unentwegt, und die darin herumkriechenden Maden verleiteten dazu, geheilte Haut wieder aufzukratzen. Auch die alten Frauen wussten keinen Rat, meinten jedoch, dass die Maden auch Gutes tun, weil sie den Eiter fraßen.
Ab und zu hatten die Geschwister sogar Spaß in der Hütte und wollten gern über Nacht bei mir bleiben. Doch ich wurde die Angst nicht los, dass die Hyäne wiederkommen und allen Kindern Fleisch aus dem Leib reißen würde. Die Männer hatten ein ständiges Feuer in der Nähe meiner Hütte entfacht und die Eingänge in das Hüttenrund unseres Klans dichter gemacht. Niemand wollte, dass so etwas jemals wieder geschah.

Wie es weitergeht?
Hilfe kommt von Missionaren – das ist die Wende in Luisa Natiwis Lebensgeschichte.

 

Eine
geschenkte
Geschichte

aus dem Buch:

LUISA NATIWI

Rote Erde – weißes Gras

 Mein Nomadenleben
in zwei Welten

Dieses Buch hilft, Afrika zu verstehen.
Es beginnt im Nomadenleben,
von der Kolonialzeit
und ihrem Ende.
Von Deutschland und Uganda.
Und von der Schwierigkeit
des Zusammenlebens ...

Zum KADERA-SHOP

Die E-Book-Version
ist in 3 Teilen erschienen

AMAZON (MOBI)
THALIA (EPUB)

 

 

UA-102882153-1